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“100 Jahre Republik”

Österreich begeht schon das ganze Jahr und besonders am 12. November 2018 die Gründung der Republik. Sie besteht allerdings nicht 100 Jahre lang, denn zunächst hieß die Republik bis 1920 „Deutschösterreich“ und zwischen 1938 und 1945 war Österreich keine Republik. 

Für uns Freidenker ist aber interessant, was im „Freidenker“ zum 12. November 1918 zu lesen war – auch deshalb, weil manches aktuell geblieben ist. Und wir wollen auch in Hinkunft bei aktuellen Anlässen auf den „Freidenker“ vor hundert Jahren zurückschauen.

Nun also zu „Der Freidenker“. Organ der Freidenker Oesterreichs, Nr. 10, November 1918, 23. Jahrgang, Seite 1:

„Bürger!

Wie an den vergangenen Kriegen trägt der Klerikalismus auch an dem furchtbaren Weltkrieg schwere Mitschuld, indem er durch Presse, Kanzel und geheime Drahtzieher zum Kriege hetzte.

Darum fordern wir von der jungen Republik Trennung von Staat und Kirche!

Wir fordern, daß niemand wegen seiner Konfession bevorzugt oder geschädigt werde, wie dies bisher geschah. Wer vernunftfähig ist, wähle frei sein Bekenntnis oder werde konfessionslos. Niemand, er sei mündig oder unmündig, darf zu kirchlichen Handlungen oder einem religiösen Unterricht gezwungen werden. Wir fordern volle Glaubens- und Gewissensfreiheit und das Recht auf Konfessionslosigkeit für jedes Mitglied des Staates. Da unsere junge Demokratie für die Bildungsbedürfnisse des Volkes pflichtgemäß sorgen wird, sind konfessionelle Schulen daher nicht statthaft. (Solche können den Kirchen nur zur Erziehung ihrer Geistlichen bewilligt werden.) Alle Schulen stehen unter weltlicher Aufsicht und sind modernem Wissen und Denken zu öffnen.

Die Wissenschaft und ihre Lehre, das gesamte Erziehungs- und Bildungswesen vom Kindergarten bis zur Hochschule seien frei von kirchlichem Einfluß. Wir fordern daher vollständige Trennung von Schule und Kirche, eine wirkliche freie Schule mit weltlicher Sittenlehre und auf demokratischer Grundlage.

Jede Kirche bezahle ihren Betrieb aus der Kultussteuer ihrer Gläubigen. Steuergelder oder andere Zuwendungen aus öffentlichem Eigentum dürfen keiner Konfession bewilligt werden. Wir fordern daher gesetzliche Gleichstellung aller Kirchen und ihre Stellung unter das Vereins- und Versammlungsgesetz. Alle aus der sogenannten „weltlichen“ Macht des Papstes gefolgerten Vorrechte (Nuntien, Rangordnungen etc.) sind abzuschaffen. Es darf in unserer Republik keine päpstliche Diplomatie geben.

Erster Aufruf der Freidenker in der Republik zur Trennung von Kirche und Staat”

Das Kreuz im Klassenzimmer ist schwer rechtzufertigen

Die Diskussion um Schule und Religionsunterricht reisst nicht ab – und das ist gut so.

Und wieder ist es der „Standard“, der das zum Thema macht: Im Interview mit dem Rechtsphilosophen Stefan Hammer (Universität Wien) wird deutlich, wie unausgegoren die Gesetzeslage um „Staat, Kirche und Religion“ in Österreich immer noch ist, wie viele Grauzonen es gibt und Argumente in alle Richtungen immer wieder auch mehr Verwirrung stiften, als Klarheit bringen. 

Ganz besonders, wenn es um die „Laizität“ geht, also um die tatsächliche Trennung von Staat, Kirche und Religion. So bedeutet Laizität eben nicht die Ausgrenzung der Religion aus dem „öffentlichen Raum“, was im Interview damit gleichgesetzt wird, dass dieser öffentliche Raum zum Beispiel auch die Schule mit einbezieht. Das ist unrichtig.

Laizität bedeutet die „Trennung von Staat und religiösen Institutionen“ und kein Konkordat. (Übrigens gab es in den Jahren 1870 bis 1933 in Österreich kein Konkordat, das Konkordat von 1933 wurde 1938 ungültig und 1957 mit einigen Änderungen erneuert). Die Trennung des Staates von religiösen Institutionen (Kirchen, Kultusgemeinden etc.) legt fest, dass diese religiösen Institutionen nicht in der staaatlichen Verfassung verankert und damit, wie alle zugelassenen Vereine,  Privatsache sind: sie haben im öffentlichen Raum ihren Platz, nicht aber in öffentlichen Institutionen wie Schulen, Ämter, Behörden etc. Und wie alle Vereine dürfen sie Privatschulen im Rahmen der staatlichen Gesetze führen und müssen sich auch selbst durch Mitgliedsbeiträge, Spenden etc. finanzieren. 

Die erste laizistische Verfassung enstand 1905 in Frankreich (siehe Wikipedia: Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat, Frankreich). Danach folgten europäische und nichteuropäische  Staaten, allerdings in verschiedenen Varianten von Laizität (siehe Wikipedia: Laizität).

Die Freidenker haben sich von Anfang an an der französischen Laizität orientiert und sind bis heute angesichts der österreichischen Realität noch nicht am Ziel ihrer Wünsche angekommen. 

Trotz einiger begrifflicher Ungereimtheiten könnten Interviews wie mit Stefan Hammer (https://derstandard.at/2000089317799/Kreuz-im-Klassenzimmer-schwer-zu-rechtfertigen) und wie zuvor mit Lisz Hirn (Kein Platz für Nicht-Religiöse?) eine gute Grundlage für eine fundierte und sachliche Diskussion sein, die in absehbarer (?) Zeit zu einer Lösung führt, wie sie einer liberal-demokratischen Republik nach hundert Jahren (minus 7 Jahren NS-Zeit) gut anstehen würde. 

Über Kommentare an   info@diefreidenker.at  würden wir uns freuen.

Was glauben Prominente?

ANLÄSSLICH DER KARWOCHE BEFRAGTE DER “KURIER” BEKANNTE PERSÖNLICHKEITEN NACH DEREN GLAUBEN

Von den neun veröffentlichten Antworten sind immerhin sechs durchaus religionsfern oder religionskritisch.

Wir wollen sie Ihnen nicht vorenthalten:

Brigitte Bierlein, Bundeskanzlerin (damals Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs)

Ich glaube an die Wertegemeinschaft der Europäischen Union, die Achtung der Menschenwürde, die Freiheit, die Gleichheit und die Wahrung der Menschenrechte. Die Freiheit und die Gleichheit aller Menschen sind die höchsten Güter eines Rechtsstaates. Als Verfassungshüterin glaube ich an die österreichische Bundesverfassung, weil sie ein wichtiger Beitrag zum Schutz des Einzelnen und der Minderheiten ist, aber auch der Sicherung des gesellschaftlichen Friedens in unserem Lande dient. Trotz aller bedenklichen Entwicklungen, die es innerhalb der EU gibt, glaube ich fest daran, dass sich die Mitgliedstaaten der friedensstiftenden Momente bewusst sind und die Werte der EU die Oberhand behalten werden.

Lizz Görgl, Ex-Sportlerin

Glaube ist sehr wichtig, das hat aber vor allem mit einem selbst zu tun. Sich selbst ein Bild davon zu machen, wer man ist, was einem gut tut. Und an den eigenen Weg, die eigenen Talente, Motivationen und Leidenschaften glauben. Und diese ausleben. Ich glaube auch an Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe. und an die Menschenrechte. Es ist essenziell, dass man in einer Gesellschaft gewisse Werte hat, an die sich auch jeder hält, damit jeder in Freiheit leben kann.

Markus Hengstschläger, Genetiker

Ich glaube an Serendipität. Sich für die Zukunft zu rüsten ist nie ein Event, sondern immer ein fortlaufender Prozess. Durch den Mut, los- und weiterzugehen entsteht Serendipität – die Chance etwas zu finden, was man nicht gesucht hat. Die Liste so gemachter Entdeckungen reicht von Amerika über die Röntgenstrahlung bis zum Penicillin. Wer sich aus Ängstlichkeit oder Bequemlichkeit nicht auf den Weg macht, findet nichts. Nicht blauäugige Optimisten, nicht Ängste und Pessimisten – wir brauchen Possibilisten.

Hermann Nitsch, Aktionskünstler

Ich glaube an das sich ereignende universum, an die sich vollziehende schöpfung, an die natur, an das leben, an das SEIN.

Katharina Rogenhofer, Mit-Initiatorin Fridays for Future

Seit ich gesehen habe, wie viele Menschen für eine ambitionierte Klimapolitik auf die Straße gehen; seit ich weiß, wie viele sich in allen Lebensbereichen einsetzen, glaube ich an die Veränderung. Ich glaube daran, dass wir gemeinsam einiges bewirken können. Miteinander können wir eine lebenswerte, faire und nachhaltige Zukunft bauen und die Veränderung sein, die es braucht.

Lotte Tobisch-Labotyn, Verein “Künstler helfen Künstlern”

Ich glaube, dass es einen Gott gibt. Ich glaube nur nicht, dass es ein LIEBER Gott ist.

Wir sind alle Kinder der Aufklärung

von Philipp Blom

Ich bin als Kind der Aufklärung aufgewachsen und hatte das Glück, in einem Haus voller Bücher zu leben. Das hat meine Fantasie befeuert, wenn auch manchmal ganz anders als erwartet. Ein Beispiel: Wie alle Vierzehnjährigen fand ich das Leben überwältigend und unerklärlich – also griff ich in den Bücherschrank und fand Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. Ich hatte gehört, dass das ein großes Buch sei, und ich hoffte, die Philosophie würde mir mein Leben erklären, in klaren Sätzen und Regeln.  Das Ganze war irgendwie erhaben und klang sehr beeindruckend, aber es machte mich ratlos. Mein Leben stand Kopf, und das System des großen Kant hatte nichts dazu zu sagen. Wie viele hoffnungsvolle Leser vor und nach mir legte ich das Buch enttäuscht zur Seite.

Und trotzdem war da diese Idee, in die ich mich – ich war schließlich im rich­tigen Alter – unsterblich verliebte: die Behauptung, dass ich einen Pfad durch diese chaotische Welt aufspüren könne und die dafür nötige Landkarte nicht in einer heiligen Schrift zu finden sei, nicht in einer Bibliothek oder einem Mythos – sondern in mir, in meiner Vernunft: einer Fähigkeit zu denken, die allen Menschen eigen und so natürlich wie das Atmen ist. Aus der ersten intellektuellen Liebe ist eine lebenslange, nicht immer reibungs­lose Beziehung zum methodischen Denken geworden, eine seltsame Fernbezie­hung zu jenen leuchtenden Ideen von Leuten, die längst nicht mehr am Leben sind. 

Die für mich wichtigste Begegnung dieser Art war die mit dem unwidersteh­lich sinnenfreudigen und scharfsinnigen Denis Diderot im vorrevolutionären Frankreich, der als Herausgeber der großen Encyclopédie bekannt wurde und der in seinen Briefen, literarischen Texten und Essays ein radikal humanistisches Weltbild erschrieb und erdachte. Diderot und die anderen Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts lebten zu einer Zeit, in der die hellsten Köpfe gerade begannen, die ersten Atemzüge der Moderne zu spüren. 

Bei ihnen lernte ich, dass weder die Aufklärung noch die Philosophie über­haupt aus einem Katalog von Lehrsätzen und dicken Büchern besteht, sondern aus einer Landschaft von Debatten, Provokationen, Entwürfen und Experimenten. Philosophie ist, wie die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch es formuliert, „riskantes Denken“. 

In einer Welt, in der die Macht von Thron und Altar absolut war, wagten es diese Denker, alles um sich herum und in sich selbst in Frage zu stellen und neu zu begreifen. Sie ließen sich durch Zensur und Geheimpolizei nicht einschüch­tern und riskierten sogar, durch ihre skandalösen Gedanken über Religion und über Menschenwürde zu Fremden im eigenen Land und in der eigenen Familie zu werden. Trotz dieser oft sehr realen Gefahren erwies sich das klare Denken als un­widerstehlich und hat dadurch unsere Gegenwart geprägt: Menschenrechte, liberté – égalité – fraternitélife – liberty and the pursuit of happiness, Demo­kratie, Naturwissenschaft, die Befreiung der Sklaven, das Ende der Kirchen­herrschaft und die Emanzipation der Frauen wären ohne die Aufklärung buch­stäblich undenkbar. 

II 

„Wir sind alle Kinder der Aufklärung.“ 

Dieses Bekenntnis ist inzwischen zur Phrase verkommen. Politiker, Journalisten und Historiker reden so, als wäre es eine selbst­verständliche Tatsache. Dabei widerlegt gerade die Gegenwart ganz offensichtlich solche Bekennt­nisse, denn es hat in westlichen Ländern seit dem Ende des Totalitarismus keinen so weitreichenden und mächtigen Angriff auf die Aufklärung gegeben wie heute. Die Aufklärung ist der Versuch, das kritische Denken und den Respekt vor Fakten höher zu achten als Meinungen, Vorurteile, Gefühle, Traditionen oder Dogmen. 

Dieses Prinzip ist plötzlich in die Defensive geraten: In Zeiten von Fake News, in denen Faktenwissen von Filterblasen abgewehrt wird, ein amerikanischer Präsident sich selbst als Lügner täglich überbietet und in denen auch hierzulande „stichhaltige Gerüchte“ bemüht werden, um die alte Mär von der jüdischen Weltverschwörung wieder wach zu kitzeln, muss man diesen Punkt nicht weiter ausführen. Auch die universellen Menschenrechte sind längst zu einer rhetorischen Be­schwichtigung zusammengeschnurrt. Denn selbstverständlich gilt global ein Zwei­klassen­-Menschenrecht. Wer im reichen Westen geboren ist, hat mehr Rechte, mehr Freiheiten, mehr Chancen – und das auch auf Kosten anderer. 

Christoph Ransmayr, kürzlich aus Ruanda zurückgekehrt, formuliert diesen Zusammenhang so: “Ohne die hier geschürften Erze und seltenen Erden, ohne die Gold-­ und Silber-­ und Diamantenminen und unzähligen anderen Bodenschätze, ohne die hier eingebrachten Ernten, ohne die Arbeitskraft von Abermillionen Sklaven und Billigstlohnarbeitern wäre Europa wohl bis zum heutigen Tag noch längst nicht jenes Paradies, als das es in jenen Flüchtlingsströmen ersehnt und bewundert wird … “

Dieses Paradies ist, wie alle Paradiese, bedroht. Das universelle Denken und die universellen Menschenrechte sind abgelöst worden vom Rückzug auf das Eigene, auf die Nation, die Grenze. Freiheit, Gleichheit und Solidarität sind offensichtlich nur dann attraktiv oder durchsetzbar, wenn sie von hohen Mauern und Stachel­draht geschützt werden. Sie sind eben unsere Freiheit und unsere Gleichheit. Aber was ist diese Freiheit wert, wenn sie darin besteht, nichts wissen zu müs­sen, nicht informiert sein zu müssen, sondern es sich wiederkäuend bequem zu machen? Und was ist die angemessene Reaktion auf Bürgerinnen und Bürger, denen offensichtlich ihre Mündigkeit lästig, Freiheit zu anstrengend und Gleich­heit suspekt ist, die eine gefühlte Wahrheit einer durchdachten vorziehen? In diesem Kontext nimmt der Satz „Wir sind Kinder der Aufklärung“ eine andere Bedeutung an. 

Immer öfter wird er auf dem ersten Wort betont und soll bedeuten: Wir sind Kinder der Aufklärung – keine Moslems also, keine kulturfremden Eindringlinge, denn die sind nicht wie wir, sie sind unaufgeklärt, nicht integrierbar, sollen bleiben, wo sie herkommen. Wir wollen behalten, was wir haben, wir bleiben, wie wir sind.  So wird die Aufklärung zur Waffe für den Erhalt des Status quo der Reichen und der Mächtigen. 

III 

Die Demontage der Aufklärung reicht weit über Europa hinaus. Auf dem ganzen Globus entstehen autokratische Staaten, werden längst über-wunden geglaubte, autoritäre Strukturen und nationalistische Identitäten zum Programm oder zur Praxis, verlieren Wahrheit und Wissenschaft an Verbindlichkeit, greift freiwillige Verdummung Raum. 

Vielleicht ist das einfach eine Reaktion auf die grundlegenden Veränderun­gen der Gesellschaft innerhalb von gerade einmal drei Generationen. Nach dem Fortschritt kommt der Rückschritt. Vor dreihundert Jahren war es einfach, an den Fortschritt zu glauben – heute beginnen die Nebenwirkungen des Fortschritts seine ursprüngliche Absicht zu überwältigen, und so kann sich Fortschritt selbst in sein Gegenteil verkehren. Vielleicht ist dies der Anfang vom Ende der aufkläre­rischen Gesellschaften. Nach uns der ethnische Pluralismus. Wir bewegen uns zwischen den Kulissen der Aufklärung wie Schauspieler mit dem falschen Text im Bühnenbild eines längst abgespielten Stücks.

Aber warum passiert all das gerade jetzt, zu einer Zeit, in der weniger Menschen hungern denn je, weniger Menschen gewaltsam sterben und in der in unseren Ländern mehr Wohlstand und mehr Sicherheit herrschen als je zuvor? Weil es immer mehr Menschen mit der Angst zu tun bekommen. Immer mehr Menschen fürchten den Verlust von Besitz und Status, den Verlust einer vertrauten Welt, den Verlust der Hoffnung. Immer mehr Menschen sehen eine wachsende Kluft zwischen der offiziellen, liberal geprägten Wirklichkeit und dem, was sie selbst erleben. 

Die globale Wirtschaftsordnung ist zu einer bitteren Parodie der aufgeklärten Gedanken mutiert, auf die sie sich beruft. Sie ersetzt die Rationalität durch die Rationalisierung, den Universalismus durch den globalen Markt, die Freiheit des Menschen durch die Wahl der Konsumenten zwischen Produkten und die Gleich­heit durch statistische Normierung. Bürgerrechte werden zu Garantieleistungen, denn in dieser Welt braucht man keinen Pass, sondern eine Kreditkarte. 

Im globalen Maßstab hat diese Parodie der Aufklärung alte soziale Strukturen zertrümmert und – um mit dem polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman zu sprechen – eine „flüssige Moderne“ geschaffen, in der Gesellschaften, Märkte, Ökosysteme und Identitäten in dauerndem Aufruhr sind. Diese Parodie erklärt einen Teil der Angst, die in unsere Gesellschaften sickert. Zur Veränderung kommt die Verlogenheit. Politiker und Ökonominnen sprechen von Wirtschaftswachstum, von Innovation und Produktivität, von Vollbeschäf­tigung und Wohlstand, aber gleichzeitig verdienen immer weniger Menschen immer mehr, während immer mehr Menschen begreifen, dass es für sie keine bessere Zukunft gibt, dass sie zwar für das System funktionieren müssen, das System aber nicht für sie. 

Immer mehr Menschen spüren, dass die künstliche politische Idylle der Nach­kriegszeit vorbei ist, dass die Geschichte zurückgekehrt ist nach Europa, mit all ihren längst überwunden geglaubten Schattenseiten – und mit ihr ihr Lebensabschnittsgefährte, der alles beherrschende Markt. So wird die Zukunft nicht mehr als Verheißung, sondern als Bedrohung erlebt. Wir werden nicht noch reicher werden, noch sicherer und noch privilegierter. Die schönste Hoffnung unserer Gesellschaften ist es deswegen geworden, Zukunft überhaupt zu vermeiden und in einer nie endenden Gegenwart zu leben. 

Diese Zukunft aber kommt längst zu uns: in Form warmer Winter und cleverer Algorithmen, aber auch zu Fuß oder in Booten, in Gestalt von Menschen. Reiche Gesellschaften können sich Zeit kaufen, um große Veränderungen hinauszuschie­ben, aber sie kaufen sie auf Kredit von ihren Kindern. 

IV 

Kein Wunder, dass es viele Menschen angesichts dieser dauernden und fließen­den Destabilisierung mit der Angst zu tun bekommen, und so sehen sich immer mehr Menschen nach Alternativen zu einem System um, das ihre Ängste nicht beschwichtigen kann, das keinen realistischen Grund zur Hoffnung bietet. Die liberale Demokratie aber hat mit der Religion eins gemeinsam: Sie kann nur dann bestehen, wenn genug Menschen an sie glauben. Tatsächlich aber ziehen sich immer mehr Menschen zurück — aus der Demo­kratie, aus der Verantwortung, aus dem ganzen Getue mit Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Es ist der Rückzug vom globalen Markt in die Festung Europa. Das Stück, das zwischen den Kulissen der Aufklärung aufgeführt wird, droht uns völlig zu entgleiten. 

V

Wir sind alle Kinder der Aufklärung, sagen wir, und benutzen diesen Satz als eine Art Regenschirm gegen das Unbekannte. Wir sind Nachkommen von Pionieren, die etwas riskiert haben, um uns ein bequemes Leben mit verbrieften Rechten zu ermöglichen, eine Generation von Erben, die sich heimlich für moralisch überlegen hält, weil ihre Vorfahren einmal mutig waren. 

Vielleicht ist es an der Zeit, endlich erwachsen zu werden. Erwachsenwerden heißt immer, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Ange­sichts der Politik von Angst und Hass, die sich auch in Europa immer weiter aus­breitet, ist es an der Zeit zu begreifen, dass neben der Erderwärmung heute noch ein weiterer Klimawandel stattfindet, ein Wandel der zivilisierten und oft unge­schriebenen Regeln und Haltungen, durch die Demokratie erst möglich wird. 

Die liberale Demokratie ist eine sehr junge und fragile Regierungsform, ein his­torisches Experiment mit offenem Ausgang. Demokratie in unserem Sinn gibt es auch in vielen Ländern Europas überhaupt erst seit wenigen Jahrzehnten, und in manchen wird sie längst aktiv ausgehöhlt. Sie ist kein Naturzustand, sondern läuft immer Gefahr, selbst zur Kulisse zu verkommen, zum Legitimisierungstheater für Autokraten. Demokratie kann die Voraussetzungen, die sie braucht, um zu bestehen, nicht selbst schaffen. Sie ist nicht nur auf starke Institutionen angewiesen, sondern auch auf weni­ger klar definierbare Voraussetzungen: auf ein gewisses Grundverständnis, auf eine Art von Anständigkeit, Selbstkontrolle, Respekt im Umgang mit anderen, Respekt vor Fakten. Wenn diese Voraussetzungen unterminiert werden, gerät die Demokratie aus dem Gleichgewicht und wird irgendwann zusammenbrechen. Das macht es so gefährlich, dass wir in ängstlichen Gesellschaften leben. Ängstliche Menschen denken anders, nehmen die Welt anders wahr als zuver­sichtliche. Jene, deren Beruf und Strategie es ist, Wählerinnen und Konsumenten zu manipulieren, wissen: Wer die Ängste kontrolliert, kontrolliert auch die Men­schen.

So verschiebt sich das Meinungsklima fast unversehens weg von Ideen wie Menschenrechten und Freiheit und hin zu Identität und Sicherheit in einer feind­lichen Welt und damit von der Diskussion zur Konfrontation. Vor dieser Drohkulisse verblasst die rationalistische Aufklärung zum Scheren­schnitt mit gepuderter Perücke. 

VI 

Ist also die Aufklärung überholt, ist sie hoffnungslos kompromittiert durch ihre Nähe zur Macht, oder ist sie, wie manche argumentieren, überhaupt ein Fehler gewesen, ein historischer Irrweg? 

Aufklärung ist riskantes Denken. Wir, die Erben, wollen dieses Risiko nicht mehr eingehen. Wir wollen eigentlich keine Zukunft, wir wollen nur, dass unsere privilegierte Gegenwart nie aufhört, obwohl sie zusehends um uns herum bröckelt und gespalten wird. Um das, was kommt, nicht zu erleiden, sondern zu gestalten, bedarf es nicht nur neuer Technologien und Effizienzsteigerungen, keiner hohen Mauern und keiner Abschreckung, sondern einer Transformation des westlichen Lebensmodells, denn erst, wenn Menschen wieder einen realistischen Grund zur Hoffnung haben, wird die Angst verschwinden. Dafür brauchen wir den Mut, wieder etwas zu riskieren beim Nachdenken über die Welt und über die eigene Position in ihr. Die Aufklärung ist nötiger denn je, aber nicht in ihrer rationalistischen Verengung oder ihrer ökonomischen Parodie. 

Für meinen besonderen Freund, den Enzyklopädisten Denis Diderot, war die Erfüllung des Lebens schon Mitte des 18. Jahrhunderts nicht die Rationalität, son­dern die volupté, die Sinnlichkeit, die Lust. Wir leben nicht aus Vernunft allein; wir verdanken unser Leben buchstäblich dem Begehren, dem Eros, der uns täglich antreibt weiterzumachen, der uns den Mut gibt, Rückschläge zu überwinden, neue Möglichkeiten zu suchen, mit anderen zu kommunizieren. 

Aber Sinnlichkeit ist kein Wettbewerb rationaler Individuen. Begehren und Empathie brauchen, suchen Kommunikation und Berührung, schaffen Auseinan­dersetzung und Solidarität. Ich bin Mensch, weil ich begehre, weil ich mit anderen Menschen mitempfinde; und ich kann nur dann gut leben, wenn auch andere es tun. Und plötzlich ent­steht aus dem Begehren eine Ethik. Das aufgeklärte Denken beginnt, zu unserer Leidenschaftlichkeit zu sprechen – und sogar zu unserer Angst. 

VII 

Was wäre, wenn eine neue, dringend gebrauchte Aufklärung mit einer Rehabili­tierung der Leidenschaft beginnen würde? Was wäre, wenn wir uns selbst als leidenschaftliche Wesen begreifen würden? Was wäre, wenn wir lernen würden, uns als aufgeklärte Menschen im Licht der Wissenschaft als Homo sapiens zu verstehen, als eine Art, die 98 Prozent ihres Erbguts mit Schimpansen teilt und deren besondere Begabung – eine Art sym­bolisch abstrahierende Schlauheit – sie innerhalb von wenigen Jahrtausenden unerwartet erfolgreich und zahlreich gemacht hat? 

Dann würden wir begreifen, dass wir nicht erhaben sind über die Natur, son­dern mitten in ihr. Wir würden sehen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, dass die Erde uns nicht untertan ist, sondern dass wir ein winziger Teil eines komplexen Systems sind, das übrigens auch ohne uns weiterbestehen wird. Homo sapiens würde lernen, sich selbst als hochinteressanten, aber proble­matischen Primaten zu begreifen, der nicht immer die Klugheit hat, seine Leiden­schaft oder seine Intelligenz sinnvoll einzusetzen, und den es trotz oder wegen aller technologischen Errungenschaften mehr denn je nach Zugehörigkeit, Stabi­lität und Sinn verlangt. 

Da aber die Stabilität der westlichen Gesellschaften auf ständigem wirtschaft­lichen Wachstum beruht, ist er gezwungen, unentwegt seinen künstlichen Heiß­hunger zu befriedigen. Dieser Heißhunger lässt sich nur auf Kosten anderer stil­len – und viele von diesen anderen haben das begriffen und wollen lieber beim großen Fressen dabei sein als beim großen Verhungern. Auch so entsteht globa­le Migration. Die Wirtschafts-leistung unterdessen wächst und wächst, also ist die Gesell­schaft, die Regierung, das Land erfolgreich, zumindest aus der Sicht der offiziellen Beurteilungen. 

Aus der Perspektive der Natur stellt sich die Sache freilich anders dar. Einer unserer wichtigsten kulturellen Partnerorganismen ist Hefe, die es Men­schen seit Jahrtausenden ermöglicht, Dinge wie Brot, Bier und Wein zu produzie­ren. Hefe ist ein einzelliger Pilz, der sich explosiv vermehrt, indem er Zucker frisst, immer weiter, unersättlich, bis alle Ressourcen aufgebraucht sind und er an seinen eigenen Ausscheidungen erstickt und verhungert. Auf individuellem Niveau haben Hefepilze zwar keinen Mozart und keinen Shakespeare hervorgebracht; kollektiv aber scheinen Menschen über Jahrmillio­nen der Evolution wenig mehr gelernt zu haben als die Hefe. Wir fressen uns dem eigenen Ersticken entgegen. 

Aber anders als Hefepilze kann Homo sapiens sein Verhalten durch Verständ­nis, Fantasie und Empathie ändern – und so vielleicht eine Zukunft möglich ma­chen, in der die Ökonomie als Teil der Ökologie begriffen wird und Menschen als Primaten, die dazu neigen, sich selbst hoffnungslos zu überschätzen. Das wäre riskant für unseren Wohlstand und den Status quo. Das wäre aufklärerisch. 

Wer heute vierzehn ist, erbt eine Welt mit immensen Risiken. Wer aber bereit ist, die Dynamik des aufgeklärten Denkens gegen die Dogmen der Gegenwart zu keh­ren, wer bereit ist, selbst zu denken und riskant zu denken, kann Teil einer Zukunft werden, in der es sich zu leben lohnt; nicht als Kind oder als Erbe, sondern als Teil der Natur, als empathischer Primat – und aus Leidenschaft für ein gutes Leben. 

*)  Der deutsche Autor und Philosoph Philipp Blom hielt diese Rede anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2018

Das Konkordat kündigen?

Erstaunliches war im „Kurier“ vom 6.11.2018 zu lesen.

Im „Kurier-Forum“ diskutierten der damalige Bildungsminister Heinz Faßmann, Wiens Bildungsdirektor (vormals Stadtschulrats-Präsident) Heinrich Himmer und die Wiener NMS-Direktorin Andrea Walach zum Thema „Wie machen wir Schule besser?“. 

Dabei ging es um Themen wie „Sinnerfassend lesen“, „Notengebung?“, „Bildungsvererbung?“, „Interkulturelle Teams“ und  –  „Konkordat kündigen?“.

Dazu hieß es im „Kurier“-Bericht:

„Durchaus begrüßt wurde die Kritik am Religionsunterricht, der ja eigentlich ein Konfessionsunterricht sei. Sollte der [sic!] Konkordat, der das seit den 1930er Jahren regelt, überdacht werden?  ‘Ich bin jetzt seit elf Monaten Bildungsminister’, erklärte Faßmann dazu etwas süffisant. ‘Wenn ich versuche, den [sic!] Konkordat zu kündigen, werde ich nur elf Monate Minister gewesen sein.’ “

Das wurde tatsächlich „durchaus begrüßt“ ?

Ethikunterricht als Pflichtfach für alle?

Seit Jahren wird darüber heftig diskutiert – bisher ohne wirklich akzeptiertes Ergebnis. Die ”Salzburger Nachrichten” (SN) haben sich des Themas nun wieder angenommen – pro und kontra. 

Kontra: er soll nur für jene gelten, die ”keinen staatlich geförderten Religionsunterricht besuchen” und zwar soll als ”Ersatz für eine zunehmende Orientierungslosigkeit” im Pflichtfach Ethikunterricht ein ”objektiver Überblick über die verschiedenen Religionen” vermittelt werden.

So Prof. Dr. Wilhelm Pölzl, der ehemalige Salzburger SPÖ-Politiker, Lehrer und Vizepräsident des Landesschulrates Salzburg, in seinem SN-Leserbrief  am 7. Dezember 2018. 

Eine Woche vorher, am 30. November 2018, hatte ebenfalls in einem SN-Leserbrief, Prof. Mag. Norbert Schier, Lehrer in Feldkirch, für einen unabhängig vom Religionsunterricht verpflichtenden Ethikunterricht plädiert: 

”Sehr geehrter Herr Bundesminister Faßmann! 

Ich unterrichte seit sechs Jahren das Fach Ethik und trete für ein verpflichtendes Fach Ethik für alle Schüler ein. Warum? … 

Bis 2017 sank der Katholikenanteil auf 57,9 Prozent. Im Schulbereich ist dieser Prozentsatz aufgrund der starken Immigration heute noch wesentlich geringer. Fazit: Der katholische Religionsunterricht ist zu einem Minderheiten-programm geworden, auch weil sich sehr viele Schüler ohnehin davon abmelden. 

Der Staat hat sich verpflichtet, den Religionsunterricht aller anerkannten Glaubensgemeinschaften zu organisieren und vor allem zu finanzieren. Und davon gibt es inzwischen 16 Stück! An meiner Schule z.B. Katholiken, Protestanten, Muslime, Alewiten, Zeugen Jevohas. Dies wird organisatorisch zunehmend aufwendiger und teurer. Religion ist Privatsache. Frage: Warum muss der Staat den Bürgern (vor allem den Zuwanderern) deren Privatinteressen finanzieren? Noch dazu, da viele gerade erst aus den Fängen religiöser Fanatiker, wie etwa Islamisten in Syrien und Afghanistan geflohen sind. 

Österreich ist um Integration bemüht. Ein gemeinsamer Ethikunterricht kann die österreichischen Werte vermitteln und wirkt verbindend. Die Aufteilung in Religionsgruppen mit unterschiedlichen religiösen Doktrinen und widersprüch-lichen Heilslehren spaltet die Gemeinschaft. …  Ich hoffe, dass Sie, lieber Herr Faßmann, mithelfen, den Ethikunterricht, der sich als Schulversuch seit 1997 sehr bewährt hat, in den Regelunterricht aufzunehmen – möglichst für alle.”

Wir Freidenker schließen uns dieser Hoffnung vollinhaltlich an.

Kein Platz für Nicht-Religiöse

Erstaunliches ist in einem „Standard“-Interview mit der 34-jährigen Philosophin Lisz Hirn zu lesen: 

Sie beklagt fehlende religionsfreie Räume, den fehlenden Ethikunterricht für alle, die fehlende Erweiterung der Freiheit von Religion, die fehlende Säkularität in öffentlichen Schulen und Institutionen (Verbot aller religiösen Symbole, nicht nur des Kopftuches, sondern zum Beispiel auch des Kreuzes) und die gleichberechtigte Wertschätzung von Nicht-Religiosität – kurz zusammengefasst also die klare Trennung von Staat und Religion(en).

Lisz Hirn überzeugt mit ihrer Wertschätzung für den Agnostizismus gegenüber dem Atheismus, wogegen sie mit ihrer Feststellung, Nicht-Religiöse würden am stärksten diskriminiert, wohl doch übertreiben mag: das gilt möglicherweise noch für dörfliche Gemeinschaften und bestimmte Institutionen.

Und schließlich beklagt sie, dass es keine Gruppen gibt, die ihre Anliegen unterstützen. 

Link zum Artikel (mit über 2500 Postings):

https://derstandard.at/2000087916721/Philosophin-Lisz-Hirn-Nichtreligioese-sind-am-schwersten-diskriminiert

Da Lisz Hirns Forderungen den Grundsätzen des Freidenkerbundes entsprechen, könnte der FDB für sie und die mehr als zwölf Prozent österreichischen Konfessionslosen, also diejenigen „ohne religiöses Bekenntnis“, der richtige Ansprechpartner sein.